Bockgeschichten vom Eschenhof
Willkommen in der Welt unserer Zuchtböcke! Hier teilen wir spannende und unterhaltsame Geschichten rund um unsere Herdbuchböcke vom Eschenhof am Märchenwald. Erfahren Sie mehr über ihre Persönlichkeiten, ihre besonderen Eigenschaften und die Erlebnisse, die wir mit ihnen teilen.
#1: Apollo - Autopanne mit Zuchtbock

Manchmal läuft alles nach Plan. Und manchmal kauft man einen Zuchtbock – und bleibt mitten auf der Bundesstraße stehen. Beginnen wir mit meinem Zuckerstück Apollo. Ein ganz wunderbarer Bock aus Dautphetal und mein erster Zuchtbock überhaupt. Bis heute ist er mein liebster. Apollo ist handzahm, lässt sich gerne kraulen und – wie ich vor Ort eher beiläufig und dann doch sehr erstaunt festgestellt habe – er geht hervorragend an der Leine. Fast besser als meine Hunde. Dieser Moment war tatsächlich der Auslöser dafür, dass ich beschlossen habe, das Leinelaufen künftig auch mit meinen anderen Böcken zu trainieren.
So weit also die positiven Aspekte dieses Tages. Die Rückfahrt gestaltete sich allerdings deutlich weniger idyllisch. Ich fahre ein altes Auto, und mit Hänger und Bock war ich noch etwa zwei Stunden von Zuhause entfernt, als plötzlich die ersten Warnleuchten aufblinkten:
ESP deaktiviert.
Okay…?
ABS deaktiviert.
Ähm.
Dann: STOP. Ich halte an, denke mir, ein kurzer Neustart wird’s schon richten, mache den Motor aus – und dabei blieb es dann auch. Motor tot. Kein Handy.
Erster Check: Geht es dem Bock gut? Ja. Apollo chillte seelenruhig in seiner Transportkiste im Hänger. Also: Improvisation. Ich rief meinen Freund über Instagram (!) per Tablet an. „Hilfe. Ich brauche einen Abschleppdienst.“ Mein Freund organisierte sofort Hilfe, musste mir dann aber mitteilen, dass ein Abschleppdienst mit Hänger und Tier deutlich komplizierter sei als gedacht. Ich sollte also einen Ort finden, wo ich meinen Bock und Hänger eventuell „zwischenparken“ kann.
Ich machte mich zu Fuß auf den Weg und fand schließlich einen Bauernhof. Die Leute dort waren ausgesprochen freundlich und boten an, es mit Starthilfe zu versuchen. Leider stellte sich schnell heraus, dass weder der Junior noch ich besonders viel Ahnung von Autos oder Starthilfe hatten. Also stehen da zwei Ahnunglose mit den Starthilfekabeln. Und er begann ein YouTube Tutorial zu schauen. Dann kam er auf die Idee, die Batterie aus dem Traktor auszubauen und bei mir einzusetzen. Das scheiterte daran, dass wir meine Batterie nicht aus dem Auto bekommen. Wir schwentken um: Ich darf den Hänger samt Bock dort lassen. Also, Leine ran, Apollo abladen - der sich sofort über sein kleines Stück Wiese freute – als wäre das alles so geplant gewesen. Ich ließ mein iPad dort am Hof um kurz zu laden (mein einziges „Telefon“), setzte mich ins Auto und wartete auf den Abschleppdienst.
Ich fragte mich, wie viel Zeit vergangen war, wollte auf die Uhr schauen – und mir fiel auf: Uhr = iPad = weg.
Okay, kurz Zündung an, nur um die Uhrzeit zu sehen.
Und was macht mein kleines Mistauto?
Es springt einfach an. Als wäre nie irgendetwas gewesen.
Es folgten eine kurze Testfahrt, eine sehr entschuldigungslastige Rückkehr zum Hof, das erneute Einladen des Bocks und ein Anruf bei meinem Freund, damit er den Abschleppdienst wieder abbestellt. Der war übrigens schon unterwegs.
Die Fahrt ging weiter – und eine gute Stunde lang schien tatsächlich alles überstanden. Etwa eine halbe Stunde vor Zuhause, kurz vor Hofgeismar, meldete sich das Auto jedoch erneut. Diesmal fiel zuerst das ABS aus, dann der Blinker, die Scheibenwischer bewegten sich nur noch in Zeitlupe, und schließlich blieb das Auto mitten auf einer großen Kreuzung der Bundesstraße aus Kassel stehen. Der Akku des iPads war leer, mein Warndreieck lag noch bei der ersten Panne, und ich sprach mehrere fremde Menschen an, bis mir schließlich jemand sein Handy lieh. Mein Freund und meine Nachbarin kamen, sie hängte den Hänger bei sich an, und wir schoben das Auto zu dritt quer über die Kreuzung auf einen Feldweg. Dort blieb es über Nacht stehen und wir organisierten einen Abschleppdienst am nächsten Morgen. Unsere Nachbarin brachte uns nach Hause.
Seitdem darf ich Zuchtböcke von weiter weg nicht mehr alleine abholen. Mein Freund möchte dabei sein – was ich ihm nicht wirklich verdenken kann. Dass mein Auto aber auch ausgerechnet an diesem Tag beschlossen hat, den Dienst zu quittieren…naja - Apollo jedenfalls kam wohlbehalten auf dem Eschenhof an und zeigte sich von all dem völlig unbeeindruckt. Er ist bis heute genau das geblieben, was er von Anfang an war: ein Zuckerstück.
#2: Magnus – große Versprechen, kleine Papiere, happy end

Die Geschichte von Magnus ist weniger spektakulär als die von Apollo – und gleichzeitig auf ihre eigene Weise sehr lehrreich. Wir sind weit gefahren. Sehr weit. Nach Diepholz, gute vier Stunden mit Hänger. Mein Freund war diesmal selbstverständlich dabei – seit der Apollo-Aktion ist das so. Immerhin: Das Auto hat durchgehalten und uns ohne Zwischenfälle ans Ziel (und wieder zurück!) gebracht.
Magnus wurde mir im Vorfeld als außergewöhnlicher Zuchtbock angepriesen: alte Blutlinie, angeblich besonders wertvoll, Scrapie-resistent, Gentest gemacht – dazu zwei hervorragende Auen. Entsprechend groß waren meine Erwartungen, und entsprechend motiviert sind wir losgefahren. Vor Ort zeigte sich dann recht schnell, dass nicht alles so klar war, wie es zunächst klang. Für die beiden Auen lagen keine Zuchtpapiere vor. Stattdessen bekam ich Kopien von Zuchtpapieren der Großeltern und teilweise der Elterntiere. Bei genauerem Hinsehen stellte sich außerdem heraus, dass eine der beiden vermeintlichen Zuchtauen lediglich Herdbuch C war – und zudem mit dem Bock verwandt.
Was im Anschluss an den Kauf folgte, war ein beträchtlicher bürokratischer Aufwand. Der hessische Schafzuchtverband teilte mir mit, dass die Auen nicht ins Herdbuch aufgenommen werden können ohne die Papiere. Ich habe beim zuständigen Schafzucht-verband telefonisch Zuchtpapiere angefordert, wochenlang keine Rückmeldung erhalten, mehrfach nachgehakt – per Mail und telefonisch – nur um dann zu hören, dass die Unterlagen ausschließlich über die Züchterin beantragt werden könnten. Also mit der Züchterin telefoniert, wieder erklärt, schließlich kam eine Rechnung vom Verband. Mir wurde zugesichert, dass die Bescheinigungen direkt zu mir geschickt werden. Rechnung bekam ich über die Züchterin schließlich. Aber - Spoiler:
Die Bescheinigungen habe ich bis heute nicht erhalten.
Für mich war das eine klare Lernerfahrung: Wer Zuchttiere für die Herdbuchzucht kaufen möchte, sollte dies niemals ohne vollständige Zuchtpapiere tun. So überzeugend die Tiere auf den ersten Blick auch wirken mögen oder die Inserate der Tiere sind. Auch die erhofften Bewertungen der Auen durch meine Zuchtwärtin blieben am Ende hinter den Erwartungen zurück – aber das sind wohl einfach Erfahrungen. Aber das hier ist ja eine Bockgeschichte – also, zurück zum Bock!
Nachdem wir die Auen etwas ernüchtert eingeladen hatten, kam plötzlich noch ein Hinweis zur Sprache, der mir kurz den Atem stocken ließ. Der Bock sei ziemlich aggressiv, man könne nicht zu ihm in den Stall, weil er angreife. Mit anderen Böcken sei er ebenfalls extrem unverträglich, weshalb eines seiner Hörner am Ansatz angebrochen sei und er zahlreiche Wunden am Kopf habe. In meinem Kopf liefen sofort Szenarien ab: getrennte Gehege, zusätzliche Zäune, eine dauerhaft zugeordnete Auengruppe für diesen vermeintlichen Rowdy. Magnus wurde schließlich an den Hörnern zum Auto gezerrt, wehrte sich heftig, und mir wurde noch einmal eindringlich gesagt, dass er auf keinen Fall mit anderen Böcken zusammenstehen dürfe.
So kam Magnus zu uns. Und was soll ich sagen? Magnus ist nicht aggressiv. Er ist etwas zurückhaltend, hat eine gesunde Scheu. Er wehrt sich, wenn man ihn packt und bedrängt – was ich ehrlich gesagt für ein völlig normales Verhalten halte. Er hält respektvollen Abstand, ist ausgesprochen freundlich zu den Auen und sozial im Umgang mit anderen Böcken. In der Bockgruppe war er derjenige, der am schnellsten ruhig mitgefressen hat. Auch das Thema „Scrapie-Resistenz“ relativierte sich später. Was als etwas Besonderes („es liegt sogar ein Gentest vor und er ist resistent“) verkauft wurde, entpuppte sich als ganz normale Genotypisierung, die – zumindest in Hessen – ohnehin Voraussetzung für die Körung eines Herdbuchbockes ist. Magnus hat zudem nicht den maximalen Resistenzstatus, sondern „nur“ Genotyp G2.
Als ich schließlich Zugriff auf Ovicap hatte, stellte sich außerdem heraus, dass Magnus nicht auf dem Hof der Vorbesitzerin geboren wurde, sondern bereits mehrere Stationen hinter sich hatte und schon so einige Male weitergereicht wurde. All das führte zu einer Entscheidung, die sich für mich richtig anfühlt: Magnus bekommt bei mir einen Platz auf Lebenszeit. Er ist schon ein paar Jahre älter, hat hervorragende Zähne, ein ruhiges Wesen und darf hier ankommen. Wenn ich irgendwann nur noch G1-Tiere habe und ihn nicht mehr in der Zucht einsetzen kann, bleibt er trotzdem. Er wird hier alt werden dürfen – und irgendwann in Rente gehen. Ich hoffe er lernt nach und nach, dass er mir vertrauen kann. Ganz nebenbei üben wir inzwischen auch die Leinenführigkeit. Mit Schafen habe ich darin noch nicht viel Erfahrung, aber wir machen erste Fortschritte. Magnus lernt schnell und trotz aller Skepsis– Leckerlis findet er eigentlich ganz in Ordnung :).
Manchmal sind es nicht die Tiere mit den größten Versprechen, sondern die mit dem stillsten Wesen, die bleiben.

#3: Henry und Hannes - doppeltes Glück
Manchmal fährt man los, um einen zu holen – und kommt mit zweien zurück, die genau richtig sind. 🤍 Henry und Hannes von der Hirschhalde kamen als Jungböcke aus Heidenheim an der Brenz – also ebenfalls von weit her. Eigentlich wollte ich nur einen schimmelfarbenen Bock. Ich liebe schimmelfarbene Tiere. Im Herdbuch sind sie jedoch nicht häufig zu finden, da diese Farbe nicht zu den ursprünglich in Frankreich vorkommenden Varianten gehört, sondern durch spätere Einkreuzungen entstanden ist. Viele Züchter lehnen das strikt ab.
Der Züchter bot mir schließlich an, den zweiten Jungbock mit dazu zu nehmen und nach der Körung zu entscheiden, welchen ich behalten möchte.
Na gut, dann wohl zwei Böcke. Anfangs war ich mir nicht sicher, ob das eine gute Idee ist – ein weiteres ungeplantes Mäulchen zum Durchfüttern – und meine kürzlichen Erfahrungen beim Kauf von Magnus machten mich etwas skeptisch. Doch es zeigte sich schnell, dass es unter den Ouessant-Haltern nicht nur „schwarze Schafe“ gibt, sondern auch ausgesprochen anständige, transparente und zuverlässige Menschen. Ohne Probleme hatte der Züchter binnen weniger Tage die Zuchtpapiere für die beiden Böckchen organisiert und ich konnte die beiden Abholen. Bei einem Kaffee erzählte der Züchter von seinen Tieren, Schafen und Hunden – und ich fuhr mit zwei sehr gepflegten, ausgesprochen süßen Jungböcken nach Hause.
Ein halbes Jahr später wurden beide mit 8/8/8 bewertet. Einer ist Scrapie-Typ G1, der andere G2. Und ich bin einfach nur froh, dass ich beide habe. Der eine ist, wie sich dann herausstellte, auch braunträger, was für den Aufbau meiner Braun-Linie von großem Vorteil ist. Insofern werden beide Böcke bei mir zum Einsatz kommen. Henry und Hannes sind etwas schüchtern, zugleich aber neugierig und fein im Wesen. Sie sind Halbgeschwister, was sich selbstverständlich auf die Zuchtplanung auswirkt – aber fürs Erste bleiben beide bei mir. Ich freue mich sehr über diese zwei wunderschönen Tiere und ihre tolle Abstammung und bin froh, dass ich mich habe überreden lassen, beide zu nehmen.

#4: Seraphin – Kurzurlaub und Staudenbeete
Seraphin – der mir zunächst als „Severin“ vorgestellt wurde und dessen Namen ich deshalb bis heute regelmäßig falsch sage – kam so weit weg her, wie man innerhalb Deutschlands nur fahren kann. Sieben Stunden einfache Fahrt. Ziel: Todtnau im Schwarzwald. Ich traute mich kaum, meinem Freund zu sagen, wie weit diese Strecke wirklich ist, und wollte eigentlich nicht, dass er extra mitkommt. Mein Plan war ein Zwischenstopp irgendwo unterwegs, eine Nacht im Auto, am nächsten Tag weiter. Mein Freund bestand allerdings darauf, mitzufahren – wenn auch nicht besonders begeistert.
Wie sich herausstellte, hatte der Vorbesitzer des Bocks jedoch auch eine Ferienwohnung. Und genau in dem Zeitraum, in dem wir Seraphin und drei Auen abholen wollten, stand diese leer. Für drei Tage lohne sich eine Vermietung zwischen zwei Buchungen nicht, meinte er – zu viel Reinigungsaufwand. So wurde aus „wir holen Schafe ab“ völlig unverhofft ein kleiner Kurzurlaub. Ich war noch nie im Schwarzwald und rechnete mit einem kalten, grauen, nassen Herbstwochenende. Stattdessen – als wäre es genau so gedacht gewesen – erwischten wir eines der sonnigsten und schönsten Wochenenden des Monats. Wir konnten den Abend der Ankunft, den ganzen nächsten Tag und den Morgen der Abreise mitten im bunten, herbstlichen Schwarzwald verbringen. Wir machen sonst nie Urlaub wegen der Tiere. Das war unser erster längerer Ausflug seit etwa zehn Jahren. Und er war… richtig gut.
Außerhalb der Ferien war nichts los, wir machten einmal die komplette Touri-Experience: Therme unter Palmen mit Cocktailbar im Wasser, eine riesige Hängebrücke (die ich unter innerem Dauerstress überquert habe), Tretbootfahren auf dem Titisee. Als wir abreisten, schlug das Wetter wieder um – und der Herbst kam zurück.
Zurück zu den Schafen: Der Vorbesitzer hatte ursprünglich eine Herdbuchzucht aufbauen wollen, sich dann aber dagegen entschieden. Er ist eher in der Landschaftspflege und im größeren Stil unterwegs, und dafür sind Ouessants schlicht zu klein. Die Tiere weideten hinter seiner Gärtnerei. Als wir die Schafe abholten, kamen wir ins Gespräch über Pflanzen. Als er merkte, dass ich dafür eine echte Leidenschaft habe, ließ er mich den Hänger mit Stauden füllen, die sonst auf dem Kompost gelandet wären – die Saison war vorbei, die Pflanzen nicht mehr schön und es gab nicht genug Platz, sie alle zu überwintern.
So kam ich nicht nur mit Urlaubsgefühlen nach Hause, sondern auch mit einem wunderbaren Bock in der seltenen Farbe französisch grau, drei Auen mit sehr guten Bewertungen (wenn auch mäßigen Zähnen) – und einer ordentlichen Ladung Stauden. Die folgenden drei Tage verbrachte ich damit, neue Beete anzulegen. Manche Fahrten bringen eben mehr mit nach Hause als geplant.