Schafgeschichten vom Eschenhof

Willkommen in der Welt unserer Ouessantschafe! Hier teile ich besondere Momente, Zuchterfolge und Anekdoten aus dem Leben unserer kleinen Wollknäuel. 

#5: Zwischen Hobby und Anspruch – der Weg ins Herdbuch

Als meine ersten Ouessantschafe zu mir kamen, waren sie reine Hobbytiere. Vier Schafe und ein Bock, den ich recht bald kastrieren ließ – nicht ganz rechtzeitig allerdings, sodass aus vier Schafen bald acht wurden. Herdbuchzucht war für mich zu diesem Zeitpunkt ein Buch mit sieben Siegeln. Ich hatte keine Ambitionen in diese Richtung und ehrlich gesagt auch keinen wirklichen Überblick darüber, was das überhaupt bedeuten würde.

Mit diesen ersten fünf Tieren habe ich bereits mehr erlebt, als ich je erwartet hätte. Notoperationen, bei denen wir dem Tierarzt assistieren mussten, Überschwemmung und Evakuierung der Tiere, Ausbrüche und eine kleine Rallye durchs Dorf – jedes für sich ein Kapitel, das sicher irgendwann seinen Platz in den Hofgeschichten finden wird.

 

Je länger die Schafe bei mir waren, desto klarer wurde mir jedoch: Ich habe große Freude an ihnen. Sie sind lieb, ruhig, menschenbezogen – und ich kann das. Ein Jahr lang gab es keine Geburten mehr, bedingt durch die Kastration des Bocks, doch das Gras wuchs mir buchstäblich über den Kopf. In dieser Phase kamen auch Heidschnucken dazu – ebenfalls ein eigenes Kapitel – bis ich schließlich eine Entscheidung traf: Nein, es bleibt bei den Ouessants. Aber ich möchte mich vergrößern.

Mit dieser Entscheidung tauchte eine neue Frage auf. Wenn ich jedes Jahr einen neuen Bock kaufe, jeder mit unterschiedlichem Erscheinungsbild und unbekanntem genetischem Hintergrund – wie stelle ich dann sicher, dass meine Schafe das bleiben, was Ouessantschafe ausmacht? Reinrassig, rassetypisch, mit den Eigenschaften, für die ich sie so schätze. Je mehr ich mich mit dem Thema Herdbuch beschäftigte, desto klarer wurde der Entschluss: Ja, ich möchte eine Herdbuchzucht aufbauen. Nicht aus Prestigegründen, sondern um langfristig sauber, nachvollziehbar und verantwortungsvoll zu züchten.

Bei den Böcken hatte ich Glück und konnte mir über die Zeit gutes Zuchtmaterial aufbauen. Mein Gedanke dahinter war klar: Wenn ich ausreichend unterschiedliche Bocklinien habe, kann ich Nachkommen über viele Generationen behalten, ohne Inzuchtprobleme zu riskieren. Deutlich schwieriger gestaltete sich die Suche nach Herdbuchauen. Zum Kauf angeboten werden fast ausschließlich schwarze und gelegentlich weiße Tiere.

Ich hatte jedoch tolle Hobbyauen. Zahm, freundlich, schön. Also reifte ein neues Ziel: Aufnahme ins Vorbuch, ins Herdbuch D. Mein Wunsch war eine bunte Herde mit allen zulässigen Farben, rassetypische Tiere, gute Mütter, gesunde Zähne und Scrapie-Resistenz – und insbesondere der Aufbau der Farben Braun und Weiß aus dem Ausgangsmaterial meiner eigenen Tiere.

Die Vorbereitung begann. Unterlagen wurden sortiert, Abstammungen geprüft, Lämmer eindeutig zugeordnet, Ohrmarken gesetzt. Schließlich stellte ich die Anfrage beim Herdbuchverband. Es dauerte eine Weile – Urlaubszeit – doch dann kam die Zusage: Eine Zuchtwärtin, sogar aus dem Nachbarort, und ein Termin. Im Vorfeld telefonierten wir, und ich stellte vermutlich tausend Fragen. Am Vorabend wollte ich die Schafe einfangen und über Nacht in Hundetransportboxen unterbringen, damit am nächsten Morgen alles ruhig ablaufen konnte. Was sonst immer problemlos funktionierte, ging komplett schief. Die Schafe wurden skeptisch und entwischten mir. Die Fangaktion dauerte bis in die Nacht, meine Aue „Nuss“ ließ sich partout nicht fangen, und so musste sie am nächsten Morgen kurz vor Ankunft der Zuchtwärtin eingefangen werden. Entsprechend abgehetzt war ich dann, als die Zuchtwärtin kam.

Die Zuchtwärtin nahm sich viel Zeit und erklärte mir jeden Schritt genau. Das Fell wurde an zwei Stellen gescheitelt und beurteilt, die Bemuskelung begutachtet, die Schafe mussten ein Stück laufen, damit Gangbild und Stellung der Beine bewertet werden konnten. Meine Tiere wurden gelobt: schönes Fell, gute Bemuskelung. Für Ouessants etwas langbeinig, aber noch im Rahmen. Mit den deutlich kleineren Böcken erhoffe ich mir, dass die Nachkommen über die Generationen hinweg bis hin zum Herdbuch A schrittweise kleiner werden.

Den Schafen wird auch ins Maul geschaut. Während alle meine Auen hervorragende Zähne hatten, stellte sich ausgerechnet bei meiner besten Mama-Aue heraus, dass sie keine Schneidezähne mehr besitzt. Ohne Zähne keine Aufnahme ins Herdbuch – damit scheidet sie für die Zucht bei mir aus. Sie bleibt dennoch vorerst bei mir. Bis die anderen Herdbuch-D-Auen gelammt haben und ihre Lämmer abgesetzt sind, wird sie weiterhin Teil der Herde sein. Anschließend werde ich die Alt-Auen gemeinsam als Gruppe vermitteln – und selbstverständlich wird sie dazugehören.

 

Der Schritt in die Herdbuchzucht bedeutet für mich auch, mich von liebgewonnenen Tieren aus der Anfangszeit trennen zu müssen. Dafür reicht der Platz schlicht nicht aus. Stattdessen werde ich ihre Nachkommen behalten, später wiederum deren Nachkommen, und diesen Weg konsequent weitergehen – bis ich schließlich bei Herdbuch A angekommen bin.

Diese Herdbuchaufnahme war trotz der mangelnden Eignung meiner Lieblingsaue kein Scheitern, sondern ein notwendiger Realitätscheck. Zucht bedeutet nicht, dass jedes gute Tier ins Herdbuch gehört, sondern Entscheidungen zu treffen – auch dann, wenn sie schwerfallen. Und genau hier beginnt für mich echte Zuchtarbeit.